Gesamtschule

 

Gesellschaftspolitisch soll das Konzept der Gesamtschule einer Entwicklung entgegenwirken, in der sich Schüler aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen frühzeitig fremd werden. Heranwachsende mit schwachen Leistungen lernen mit und von leistungsmässig besseren Schülern – und alle lernen gemeinsam.

Ziel der Gesamtschule ist es, möglichst vielen Schülern einen höheren Bildungsabschluss zu ermöglichen. Kritiker wenden allerdings ein, dies gehe häufig mit einer Reduzierung des Niveaus einher.

Chancengleichheit und Talentförderung gleichzeitig maximieren ist das Ziel. Deshalb stimmte die FDP-Fraktion dem Gronauer Konzept (Gesamtschule im Wettbewerb mit Gymnasium und Realschule) zu.

Die Zahl der Anmeldungen zur Gesamtschule zeigt, dass dieser Weg richtig ist.

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Die Bildungsrevolution Ende der sechziger Jahre sollte dazu führen dass der Mensch nicht länger ist, „als was er geboren war“, sondern „wird, was er kann“. Bildung sei Bürgerrecht, sagte der liberale Vordenker dieser Idee, Ralf Dahrendorf, 1965: „Es ist die Pflicht des Staates, für dieses Recht Sorge zu tragen.“

Damals wurde das Abitur reformiert und das Bafög eingeführt. Der Anteil der Arbeiterkinder, die in die Mittelschicht aufstiegen, nahm zu  von drei Prozent auf sieben Prozent. Seit 1990 sinkt er wieder.

Dabei wäre es für Deutschland enorm wichtig, mehr Menschen zu qualifizieren. In einer Studie wies die OECD 2003 nach, dass Ausbildung Wachstum bringt. In Deutschland haben aber 16 Prozent weniger junge Arbeitskräfte einen Hochschulabschluss als in den anderen EU-Ländern. Die Bildungspolitiker rätseln: Warum ergreifen nicht mehr junge Leute aus den unteren Schichten die Chance, kostenlos zu studieren und später einen gut bezahlten Job zu ergattern?

Weil Eltern, Lehrer und Manager zusammenwirken, um sie draußen zu halten. Die Gesellschaft sortiert gnadenlos aus, und das beginnt schon in der Grundschule. „Selbst bei guten Noten gehen nur 38 % der „Unterschicht“-Kinder auf ein Gymnasium“, behauptet der Sozialwissenschaftler Rainer Geißler. Damit die Lehrer sie fürs Gymnasium empfehlen, müssen Grundschüler aus benachteiligten Verhältnissen nach seinen Feststellungen 50 % mehr Leistung bringen, als Kinder, die aus „besseren“ Elternhäusern stammen. Und selbst wenn sie die Empfehlung bekommen, heißt das noch nicht, dass sie künftig ein Gymnasium besuchen; denn   52 % der „ungelernten Eltern“ schicken ihre Kinder trotzdem auf eine Haupt- oder Realschule.

Eine Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2004 vergleicht, was aus hundert Kindern weniger gebildeter Eltern wird: 64 gehen gar nicht erst auf weiterführende Schulen und fallen damit für eine Karriere in Berufen mit hohem Einkommen und Sozialprestige weitgehend aus. Von den verbleibenden 36 machen 25 trotz Abi einen Bogen um die Unis – so bleiben nur noch elf.

Der Freiburger Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis hat dafür eine Erklärung: Viele Arbeiterkinder haben gar keinen Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. „Aufsteigen tut nur, wer auch wirklich aufsteigen will, weil zum Beispiel die Eltern ihn ermutigen“, sagt er. Selbst der ehrgeizigen Minderheit, die das Studium meistert und sogar promoviert, legen dann die etablierten Eliten Steine in den Weg.

Der Soziologe Michael Hartmann von der Universität Darmstadt hat die Karrieren von 6500 potenziellen Aufsteigern mit Doktortitel ausgewertet.

Die soziale Herkunft entscheidet. „Zum Manager wird man geboren“, sagt der Wissenschaftler: Kandidaten mit großbürgerlichem Hintergrund haben fünfmal bessere Aussichten auf eine Elite-Position in der Wirtschaft – Tendenz steigend.

Um dieser Realität auch hier bei uns entgegenzuwirken, wollten wir eine Gesamtschule in Gronau.

Aber auch genau deshalb haben wir uns gegen jede Bestrebung gewandt, künftig nur noch eine (Mega-) Gesamtschule am Ort vorzuhalten bei gleichzeitiger Abschaffung von Gymnasium und Realschule.

Darum haben wir aus voller Überzeugung für den Schulkompromiss gestimmt.

Die Menschen in unserer Stadt, die lieber beim bisherigen Schulsystem verblieben wären, wollten wir mit einbinden. Wir hoffen, dass auch sie den Kompromiss mittragen werden.

Gemeinsam wollen wir den Weg in eine gerechtere, nämlich chancengleiche und gleichzeitig effizientere Gesellschaft der Zukunft gehen.