Soziale Unternehmungen

 Auf Antrag der FDP-Fraktion hat der Rat in seiner Sitzung am 15. 5. 2014 einstimmig beschlossen:

 

Die Anlage zu diesem Schreiben mit den darin enthaltenen Überlegungen zu einer qualitativen Weiterentwicklung der kommunalen Arbeits- und Beschäftigungspolitik wird zur weiteren Erörterung und Beschlussfassung an die städtische Beschäftigungsgesellschaft Chance GmbH verwiesen mit der Empfehlung, analog zur Vorgehensweise in der WTG, eine Arbeitsgruppe damit zu beauftragen, praxisnahe Umsetzungsmöglichkeiten zu suchen.

Wegen der Überschneidung des Themas mit den Aufgaben kommunaler Wirtschaftsförderungspolitik wird die Anlage ebenfalls der WTG zur Kenntnis und weiteren Veranlassung übersandt

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Soziale Unternehmungen 

 Chancen für alle

 

 

FDP-Fraktion im Rat der Stadt Gronau

Gronau, den 31. 3. 2014

 

 

 

I.   Was ist ein soziales Unternehmen? 

Soziales Unternehmertum ist eine noch neue Art unternehmerischer Betätigung und kommt in Bereichen vor, in denen traditionelle Marktmechanismen und staatliche Förderinstrumente allein oder miteinander kombiniert versagt haben oder zu nicht zufriedenstellenden Antworten auf drängende Gegenwartsfragen der Gesellschaft führen (Anlage 1).

(Soziales Unternehmertum ist nicht zu verwechseln mit dem privatwirtschaftlich tätigen Unternehmertum im Rahmen der gegenwärtiger Wirtschaftsordnungen, das besondes offen ist für soziale und gesellschaftliche Belange. Herkömmliche Unternehmen, die sich ihrer sozialen Verantwortung bewußt sind, sind also nicht gemeint. Dieses Unternehmertum wird von dem hier vorgetragenen Gedankenansatz weder in Frage gestellt, noch soll es in irgendeiner Form abgewertet werden.)

Im Unterschied zu sozialen Projekten mit gleicher inhaltlicher Zielrichtung arbeiten soziale Unternehmen allerdings wie herkömmliche Unternehmen. Im Unterschied zu diesen jedoch, sind sie zwar auch auf Umsatz und Gewinn ausgerichtet, aber Gewinnmaximierung ist nicht ihr alleiniges Hauptziel. Zusätzlich sind sie auch auf Gewinnoptimierung im Sinne eines über den Gewinn hinausgehenden Mehrwertes für die Gesellschaft ausgerichtet.

Die Gewichtung dieser beiden Hauptziele ist nicht einheitlich, schon gar nicht besteht sie im Sinne einer Über/Unterordnungsverhältnisses, sondern ist infolge des jeweiligen konkreten Anlasses der Unternehmensgründung unterschiedlich.

Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es vielfältige Kategorien sozialer Unternehmen gibt, aber bislang noch keine abschließende Definition des Begriffs.

Gemeinsam ist der Idee eines Sozialen Unternehmertums, dass sie Armut, Arbeitslosigkeit, sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung nicht sozialpolitisch (durch Verteilung der von anderen Mitgliedern der Gesellschaft erwirtschafteten Ressourcen), sondern sozialökono-misch (im Sinne von sozialunternehmerisch) entgegen tritt, und zwar in der Weise, dass die Zuwendungsempfänger die ihnen zukommenden Zuwendungen selbst verdienen oder wenigstens an deren Erwirtschaftung mit beteiligt sind.

Zwei der vielfältigen Definitionsversuche umschreiben den gesellschaftlichen Bereich, um den es geht, recht gut:

Soziale Unternehmen verfolgen neben ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit das Ziel, Arbeitsplätze für benachteiligte Menschen zu schaffen. Sie sind aktiv an der Entwicklung der regionalen Wirtschaft und der Verbesserung der Lebenssituation der Menschen beteiligt.

Eine Form des Sozialen Unternehmens sind die Integrationsunternehmen, die spezielle Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen schaffen. Sie bieten reguläre Arbeitsverträge und zahlen ihren Mitarbeitern ortsübliche bzw. tarifliche Löhne, um deren Chance auf ein selbstbestimmtes und von öffentlicher Unterstützung unabhängiges Leben zu ermöglichen.               (Quelle: www.soziale-Unternehmen-nrw.de)

Ausdrücklich als „Arbeitsdefinition“ werden folgende Kennzeichen Sozialer Unternehmen bezeichnet:

Soziale Unternehmen versuchen, spezifische soziale Ziele durch ökonomische Betätigung zu realisieren. Es sind „not-for-profit“-Organisationen, die alle erwirtschafteten Überschüsse entweder in ökonomische Aktivitäten des Unternehmens investieren oder in anderer Weise so nutzen, dass   sie den gesetzten sozialen Zielen des Unternehmens dienen. Vermögen und akkumulierter Reichtum des Unternehmens gehört nicht Privatpersonen, sondern wird treuhänderisch zum Wohle derjenigen Personen oder Gebiete verwaltet, die als Nutznießer des sozialen Unternehmens bestimmt wurden.

Ihre Organisationsstrukturen zielen auf gleiche Rechte für alle und ermutigen alle Beteiligten, auf kooperativer Basis zu arbeiten. Soziale Unternehmen fördern die wechselseitige Kooperation zwischen ihnen und anderen Organisationen der sozialen und lokalen Ökonomie. (Quelle: Netzwerk für Soziale Unternehmen und Stadteilökonomie, Berlin) 

Man erkennt an diesen beiden Umschreibungen die Möglichkeit, den Begriff „Soziales Unternehmen“ bei prinzipiell einheitlicher Strukturierung im Grundsatz dennoch weit oder eng sowie mit sehr unterschiedlichen Zielrichtungen zu fassen.

Dies hängt möglicherweise auch mit der Entwicklung der Idee zusammen, die ursprünglich auf die sog. „dritte“ Welt fokussiert war und sich auf die in wirtschaftliche Betätigung umgesetzten Ideen des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus (Mikrokredite) zurückführen läßt.

Die sich verändernden wirtschaftlichen und sozialen Strukturen in den entwickelten Ländern des Westens führten dazu, dass   soziale Unternehmen mittlerweile auch in Westeuropa   in großer Vielfalt von Betätigungsfeldern und Organisationsformen anzutreffen sind und in den USA heute als etabliert gelten.

Die deutsche Bundesregierung entschloss sich (erst) 2010 zur finanziellen Unterstützung sozialer Unternehmen und der Europäische Sozialfonds der EU will im Förderzeitraum 2014 – 2020 soziale Unternehmen ausdrücklich bevorzugt fördern.

II. Möglichkeiten und Zielgruppen für soziale Unternehmen in Gronau 

Wer dem Gedankengang bis hierher gefolgt ist, denkt bei der Frage nach dem Adressatenkreis der Idee vermutlich gleich an Arbeitslose, Langzeitarbeitslose besonders und Menschen mit Beschäftigungshadicap aus gesundheitlichen, konstitutionsbedingten und sozialen Gründen. Er denkt dabei nämlich – vermutlich ganz unbewußt – sofort an den typischen Adressatenkreis der vielfältigen sozialpolitischen Maßnahmen, die ihm bekannt sind oder von denen er gehört hat und für die wir in Deutschland mittlerweile eine riesige Organisation kommunaler, staatlicher und freier Träger aufgebaut haben.

Trotz des enormen Aufwandes, der damit verbunden war, waren und sind die getroffenen Maßnahmen bei Weitem nicht immer zielführend. Das zeigt die Erfahrung in der Praxis. Nicht selten verlaufen Projekte mit dem Ziel der Beschäftigung und (Wieder)-Eingliederung im Ergebnis sogar kontraproduktiv, da sie nach Ablauf keine Fortsetzung finden und nicht selten Enttäuschung und Demotivation bei den Betroffenen hinterlassen, statt zu Vermittlungsergebnissen in Arbeit zu führen.

U.a. genau an dieser Stelle setzt die Idee sozialer Unternehmungen, wie wir sie in Gronau entwickeln sollten, an:

Menschen mit sozialem, konstitutionsbedingtem oder gesundheitlichem Beschäftigungshandicap sollten – bei persönlicher Eignung – nicht in „Maßnahmen“ oder „Projekten“, schon gar nicht in „Übungsfirmen“, in denen eine Teilhabe am Wirtschaftsleben nur simuliert wird, auf Zeit (!) untergebracht werden, sondern in echten Wirtschaftsunternehmen, die sich am Markt dem Wettbewerb stellen müssen und die auf Dauer mit Erfolg produzieren oder Dienstleistungen anbieten.

Dieser Ansatz hört sich bei erstem Vernehmen verwegen oder auch zum Belächeln lebens-fremd an.

Wie soll man geistig Behinderte oder körperlich Versehrte in den normalen Produktionsprozess eines auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Betriebes eingliedern? Beim zweiten Nachdenken wird man feststellen, dass das nicht erst seit heute, sondern bereits seit vielen Jahren mit Erfolg geschieht. Menschen mit Beschäftigungshandicap werden heute nicht mehr weggesperrt oder in sonstiger Weise von der Gesellschaft ferngehalten. Vermehrt wird ihnen nicht nur selbstbestimmtes Wohnen in vielfältiger Form ermöglicht, sie werden auch zunehmend in Produktions- und Dienstleistungsprozesse eingebunden.

„Ja“, wird man skeptisch bemerken, „in beschützenden Werkstätten und in Betrieben, die eigens auf diese besondere Art der Beschäftigten eingerichtet sind und meistens von Trägern der Sozialhilfe subventioniert geführt werden mag das gehen, nicht aber in „normalen“ Unternehmen, die aus Gründen der Gewinnmaximierung und Konkurrenzsituation auf effiziente Betriebsabläufe angewiesen sind.

Die können sich die Beschäftigung von „Problem“-Personal nicht leisten.

Dass das zwar so ist, aber in Wirklichkeit nicht so sein muss, wird man beim dritten Nach-denken zu diesem Thema erkennen können. Dies aber nur dann, wenn man von einer abstrakt/prinzipiellen Betrachtungsweise in einen höchst konkreten Betrachtermodus wechselt.

Dann kann ein Soziales Unternehmen sogar ein Instrument aktiver kommunaler Wirtschaftsförderung sein.

Wer das denken will, muß man allerdings außerdem noch die Bereitschaft mitbringen, das System zu verändern;

denn nach geltender Doktrin ist es so, dass Menschen mit Beschäftigungshandicap im „normalen“ Wirtschaftsleben nur dann eine Beschäftigungschance haben, wenn sie sich dem System anpassen.

Im Sozialen Unternehmen läuft genau das umgekehrt und das geht auch!

1. Beispiel (aus der Schweiz) – privatwirtschaftliches Unternehmen 

Ein vollständig privatwirtschaftlich arbeitendes Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes stellt u.a. Computergehäuse aus Aluminiumspritzguss her. Wenn die Gehäuse aus der Presse kommen, müssen sie in Handarbeit nachbearbeitet (entgratet) werden.

Bisher wurde diese Arbeit im Ausland auf Niedriglohn-Basis erledigt. Das Unternehmen stellte Behinderte ein (unbefristet in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung) und ließ die Arbeit in der Folge durch diese im Betrieb vor Ort   erledigen.

Dieses Beispiel läßt bereits zwei Voraussetzungen eines funktionierenden Sozialen Unter-nehmens erkennen: ein spezifisches Produkt, das durch Menschen mit Beschäftigungshandicap marktfähig bearbeitet werden kann sowie ein Produkt, für das es einen florierenden Markt gibt; denn nur dann kann das Ziel einer auf Dauer angelegten regulären Beschäftigung erreicht werden; denn Ziel ist, dass die Zuwendungsempfänger ihre Zuwendungen auf Dauer selbst verdienen.

Sollte infolge eines Beschäftigungshandicaps die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern eingeschränkt sein, gibt es in Deutschland – auch für Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes – die Möglichkeit des Nachteilsausgleichs nach SGB III oder SBG IX.

Dieses Beispiel zeigt außerdem, dass auch „normale“ Unternehmen zu   Sozialen Unterneh-men in obigem Sinne werden können, wenn sie in geeigneten Fällen Produkte oder Dienst-leistungen in Gronau herstellen/erbringen lassen, statt sie ins Niedriglohn-Ausland zu verlagern.

Wenn diese Bereitschaft bei Unternehmern besteht, geht es im zweiten Schritt darum, geeignete Produkte und Dienstleistungen zu finden.

Kommunale Wirtschaftsförderung und die Beschäftigungsgesellschaft Chance sollten dazu Kontakt mit der Unternehmerschaft aufnehmen und bei Bedarf   Hilfestellung leisten.

2. Beispiel (aus Gronau) – Beschäftigungsprojekt der Chance (Glashaus)

Das Glashaus auf dem LAGA-Gelände wird in Trägerschaft der Chance durch Arbeitslose bewirtschaftet. Mit dem Projekt wird die Erwartung verbunden, dass die Bewirtschaftung erfolgreich, ertragbringend also, verläuft. Der Ideenansatz ist der eines sozialen Unternehmens.

Das Glashaus wird als Bistro/Cafe geführt. Da es allerdings den Status eines   Beschäftigungsprojektes der Chance hat und damit dem zweiten Arbeitsmarkt angehört, sind erfolgsnotwendige Maßnahmen im Wettbewerb verboten. Das Verbot beruht ausschließlich auf dem Status der Unternehmung. Allein deshalb werden Maßnahmen im Wettbewerb zu Unternehmungen des „ersten“ Arbeitsmarktes als   Wettbewerbs-verzerrung verstanden. Deshalb darf zB keine aktive Werbung durchgeführt werden. Das hat zum Ergebnis, dass trotz eines guten Waren- und Dienstleistungsangebots die Frequenz der Einrichtung gering ist; denn die Einrichtung ist wegen ihrer versteckten Lage nur Insidern bekannt. Sie tut sich daher schwer, den für einen funktionierenden Cafe/Bistro-Betrieb nötigen Bekanntheitsgrad – und damit auch den erforderlichen wirtschaftlichen Erfolg – zu erreichen.

Der Status des „Unternehmens Glashaus“ wird damit zu einem gravierenden Wettbewerbsnachteil und möglicherweise zur Ursache eines Mißerfolges.

Für uns leitet sich daraus die Forderung ab: wenn Anliegen des sozialen Arbeitsmarktes in „Projekten“ oder   „Maßnahmen“ verfolgt werden, die zwangsläufig eine Konkurrenz-situation zum ersten Arbeitsmarkt erzeugen, muß der Status der jeweiligen Aktivität dies berücksichtigen.

Das Problem, den Betrieb des Glashauses dem ersten Arbeitsmarkt zuzurechnen, kann mit einfachen Mitteln gelöst werden.

Das ist insbesondere auch ohne größeren Kosten- und Organisationsaufwand erreichbar, wenn nämlich die Einrichtung – statt durch die Chance selbst – durch eine Gesellschaft (einfach und kostengünstig errichtet, zB GbR) betrieben würde, an der die Chance beteiligt ist.

Die Gesellschafter einer solchen Gesellschaft könnten die in dem „Projekt“ Beschäftigten einerseits und die Chance GmbH andererseit sein. Die Risiken der Anlaufphase müßten dann – wie jetzt auch – von der Chance getragen werden. Sollte das Unternehmen nach Beendigung der Anlaufphase profitabel geführt werden können, könnten die dort Beschäftigten den Geschäftsanteil der Chance (zum Wirtschaftswert) kaufen oder die Gesellschaft würde fortgesetzt und die Chance erhielte eine jährliche Gewinnbeteiligung.

Der an dieser Stelle evtl. erfolgende Einwand, auch diese Hilfestellung aus Arbeitslosigkeit zu unternehmerischer Tätigkeit sei eine Form unzulässiger Wettbewerbsverzerrung, greift nicht, weil eine solche Vorgehensweise – nicht nur aus der Sicht der kommunalen Wirtschaftsförderung betrachtet – nichts anderes ist, als konkrete kommunale Hilfestellung bei der Gründung eines   jungen Unternehmens.

Auch zielen die zahlreichen Existenzgründungsförderungen der Länder, des Bundes und der EU in dieselbe Richtung, ohne dass sie als wettbewerbsverzerrend verstanden würden.

3. Beispiel mit Grundsatz- und Pilotcharakter:

Das vorherige Beispiel läßt sich erweitern, indem zusätzlich oder alternativ zur Beteiligung der Beschäftigten ein Unternehmer des Gastronomiegewerbes hinzutritt. Auch dieser könnte, gemeinsam mit der Chance, eine Betreibergesellschaft gründen. Der Unternehmer würde in einem solchen Fall sein unternehmerisches KnowHow einbringen wollen und an einem evtl. Erfolg auch gern beteiligt werden, jedoch das Personalkostenrisiko scheuen.

Daher sollte auch in einem solchen Fall das wirtschaftliche Risiko der Anlaufphase – wie jetzt sowieso – ganz (oder auch teilweise) von der Chance übernommen werden. Auch in diesem Falle wäre nach Beendigung der Anlaufphase, wenn das Unternehmen in Zukunft wirtschaft-lich betrieben werden kann, über eine Veräußerung der Gesellschaftsanteile der Chance an den Partner oder aber auch Fortsetzung des Gesellschaftsverhältnisses zu befinden.

Stellt sich nach der Anlaufphase jedoch heraus, dass sich das Projekt keine erfolgversprechende Position im Wettbewerb verschaffen konnte, könnte es beendet werden ohne dass einer der Partner dadurch einen allzu großen wirtschaftlichen Nachteil zu tragen hätte.

Allerdings ist es nach der gegenwärtigen wirtschaftlichen Leistungskraft der Beschäftigungsgesellschaft Chance GmbH ausgeschlossen, dass diese im Zusammenhang mit derartigen Gründungsaktivitäten erhebliche wirtschaftliche Risiken übernimmt. Bei der Risiko-Mit-Übernahme der Chance kann es sich daher nur um solche Risiken handeln, die diese sowieso (im Rahmen ihres sozialen und beschäftigungspolitischen Auftrages) übernimmt, die Personalgestellung nämlich.

Bereits das „Glashaus“ stellt in diesem Zusammenhang schon eine nennenswerte Investition und Kostenübernahme (durch Renovierung und Betrieb) dar, die nach gegenwärtiger wirtschaftlicher Konstitution der Chance Ausnahmecharakter hat.

Dass es aber durchaus Fälle geben kann, bei denen Gründungsvorhaben ihr schwerpunkt-mäßiges Risiko im Personalbereich einerseits und im unternehmerischen Know-How andererseits haben, zeigt das Beispiel in der Anlage 2. Unternehmensideen dieser und ähnlicher Art eigenen sich in hervorragender Weise für Unternehmens-gründungsaktivitäten in Partnerschaft zwischen Chance und Unternehmern/Hand-werkern. Sie zeigen außerdem auch, dass High-Tec und Soziales Unternehmen sich nicht gegenseitig ausschließen.

Die Unternehmerschaft Gronaus aufzurufen, Kooperationsvorhaben solcher Art zu suchen, um sie gemeinsam mit Beschäftigungsgesellschaft Chance und kommunaler Wirtschaftsför-derung umzusetzen, stellt eine gemeinsame Aufgabe von Rat, Verwaltung, Chance und WTG dar.

Dies könnte das Grundmuster einer spezifischen Art künftiger kommunaler – gleichzeitig sozial motivierter – Wirtschaftsförderung, in Gronau sein.

Durch die Beschäftigungsgesellschaft haben wir die Möglichkeit, projektbezogen und auf Zeit Personal zur Verfügung zu stellen und es bei Ende oder Fehlschlagen des Projektes wieder zurück zu nehmen. Eines der Hauptprobleme von Bürgerinnen und Bürgern, die gewillt sind und eine Idee haben, sich unternehmerisch zu betätigen, wird dadurch relativiert. Die Chance stellt Personal zur Verfügung, der Unternehmensgründer das Know-How und die technischen Mittel. Als gemeinsame Gesellschaft wird dann das Unternehmen in der Anlaufphase betrieben. Bei Erfolg veräußert die Chance ihren Anteil an den Gründer oder behält ihn, je nach Zweckmäßigkeit.

Im Mißerfolgsfalle bleibt das aus dem unternehmerischen Versuch sich ergebende Risiko für beide Partner gering.

Eine Weiterentwicklung dieser Idee könnte den Personenkreis einbeziehen, der nach klassischer Definition nicht arbeitslos, aber dennoch beschäftigungslos ist. Das sind ehe-malige Unternehmer, die im Wirtschaftsleben nicht aufgrund persönlicher Unfähigkeit, sondern aus unglücklichen Umständen (Marktveränderungen, schlechte Zahlungsmoral ihrer Kunden usw.) gescheitert sind.

Für sie ist im gegenwärtigen System ein unternehmerischer Neuanfang fast unmöglich, obwohl gerade dieser Personenkreis vom Know-How her oft die bestenVoraussetzungen dafür mitbringt.

Hier liegt eine klare Zusatzaufgabe für kommunale Wirtschafts- und Beschäftigungsförde-rung, also für Chance und WTG gemeinsam.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass diese spezielle Art eines kommunalen Joint-Ventures finanzwirtschaftlich zu einer künftigen Einnahmequelle für kommunale Tochterunternehmen bzw. den städtischen Haushalt selbst führen könnte. Es wäre eine Einnahmequelle, die einen unmittelbaren Bezug zum Erfolg örtlichen Unternehmertums hätte. Dies wäre Ansporn für eine creative kommunale Wirtschaftsförderungspolitik, da damit nicht nur über die Steuern, sondern zusätzlich und unmittelbar über Gewinnbeteiligung Finanzquellen erschlossen werden könnten.

Der Ansatz kann zu einer Win-Win-Win-Situation für Beschäftigte, Unternehmen und Stadt Gronau entwickelt werden.

4. Beispiel mit gesellschaftlicher, insbesondere demografischer und ökologischer Relevanz 

In der kommunalen Besschäftigungsgesellschaft Chance wird derzeit über ein grenzüber-schreitendes Projekt diskutiert. Von der Chance und der niederländischen Beschäftigungs-gesellschaft Surplus betreute Menschen sollen in einem Gemeinschaftsprojekt Landbau betreiben. Demnächst beginnt die Konzeptionsphase dieses Vorhabens, gefördert durch die EU.

Wir sehen in diesem Ideenansatz eine gute Möglichkeit, das daraus zu entwickelnde Vor-haben zugleich als Pilotprojekt für Soziale Unternehmen in einem neuen, umfassenderen Sinne, zu gestalten.

Geschäftsgegenständ könnte ökologischer Landbau und ökologische Viehwirtschaft in bewußt regionaler Ausprägung sein. Da dies arbeitskräfteintensiv ist, bieten sich Möglich-keiten der Beschäftigung in der niederländischen und der deutschen Beschäftigungsgesell-schaft. Zugleich hätte ein solches Unternehmen aber auch die Möglichkeit, andere Beschäftigungsuchende zu berücksichtigen. Hier ist insbesondere an die große Zahl von Senioren zu denken, die nach Beschäftigung suchen oder sogar aus finanziellen Gründen suchen müssen. Auch bei jüngeren Menschen (zB Alleinerziehenden) gibt es Bedarf nach Beschäftigung mit der Möglichkeit zeitlicher Flexibilität.

In einem sozialen Unternehmen, das ökologisch einwandfreie pflanzliche und tierische Nahrungsmittel herstellt und diese auch selbst regional vermarktet, ergeben sich am Arbeits-markt nachgefragte Möglichkeiten flexibler Beschäftigung in beachtlichem Umfang. Auch ein Absatzmarkt für derartige Produkte ist in Gronau und Umgebung vorhanden.

Fraglos müssen die Produkte von hervorragender Qualität sein, damit über den Preis die lohnintensive Herstellung ohne Erhaltungssubventionen möglich ist.

Auch dieses Unternehmen könnte wirtschaftlich erfolgreich nur als Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes agieren, so dass sich abermals eine gemeinsame Gesellschaftsgründung mit den beteiligten Beschäftigungsgesellschaften und den potenziellen Arbeitnehmern sowie ggfs. Partnern aus der Wirtschaft/Landwirtschaft anbietet.

In diesem Fall könnte – bei einer zusätzlich breiten Beteiligung aus der Bevölkerung – eine genossenschaftliche Organisationsform sinnvoll sein.

Schlußbemerkung:

Soziale Unternehmen verfolgen sozialpolitischen Ziele in anderer Weise als die bekannten Instrumente der Sozial- und Beschäftigungspolitik, indem sie einen unternehmerischen Ansatz wählen.

In Verzahnung mit der kommunalen Wirtschaftsförderungspolitik können sie zu einem effizienten Instrument kommunaler Wirtschaftsförderung entwickelt werden und dabei der Kommune neue Einnahmequellen erschließen.

In einer weiteren Entwicklungsstufe können sie außerdem zur Bewältigung von Beschäftigungsfragen im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung unserer Gesellschaft beitragen.

Soziale Unternehmen in diesem Sinne definieren eine Schnittmenge vielfältiger gesellschaftlicher Problemzonen, die die gemeinsame Aufmerksamkeit und Entwicklung durch Rat, Verwaltung, WTG, Chance, Unternehmerschaft und Bevölkerung erfordert.